Buch-Leseprobe

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Geschwister und andere Plagen

Ja, wir fühlten uns vernachlässigt, sträflichst vernachlässigt sogar. Und hintergangen. So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Nie im Leben. Warum bloß hatten wir uns diesen kleinen Störenfried gewünscht? Vorher waren Mutter und Vater nur für uns da. Das ging in Ordnung. Aber jetzt? Da hieß es ständig: Erst das Baby, dann du, du bist schließlich schon groß. Man konnte es einfach nicht mehr hören. Und groß – das waren wir mit unseren gerade mal sechs oder sieben Lenzen noch lange nicht. Nun gut, größer als dieser Winzling, der uns als Schwester präsentiert wurde. Aber eben nicht groß genug, um all diese Rücksicht zu nehmen, um Verständnis zu haben und zurückzustecken.

Das konnten und wollten wir so nicht hinnehmen. Egal, was die Eltern sagten. Also musste ein Plan her, ein Protestplan. Etwas, was den Eltern deutlich machte: so nicht mit uns! Gelegenheiten dafür gab es durchaus. Und die nutzen wir. Zum Beispiel, indem wir die ungefederten Holzräder des Stubenwagens mit dem schlummernden Baby reichlich schwungvoll über die Türschwellen der Wohnung stießen. Dabei schnellte das Baumwollwindelpaket mit der Schwester ordentlich in die Höhe. Ein Vorgang, der zu augenblicklichem Geplärre im Babykörbchen führte. Ja, Strafe dafür, der Erstgeborenen die elterliche Aufmerksamkeit zu stehlen, musste nun mal sein.

Aus der Reihe: Unsere Kindheit in der DDR
„Bummi, Bonbons, Budenbauen“
Wartberg Verlag
ISBN  978-3-8313-2038-7


Westbesuch

Zu besonderen Feierlichkeiten der Familie, wie etwa der Jugendweihe, ließ sich bei Heinz auch gern mal die Westverwandtschaft blicken. Onkel Kurt aus Hamburg mit Anhang, der als Rentner rübergegangen war und sich jetzt als etwas Besseres betrachtete. Und wenn Onkel Kurt im Anmarsch war, erschienen auch all die anderen Verwandten, die sich über die Republik verteilten. Konnte ja sein, dass der Hamburger Onkel das eine oder andere Präsent im Koffer mitführte. Da wollte man auf keinen Fall etwas verpassen. Tagelang war die Mutter von Heinz mit den Vorbereitungen für die kulinarische Zufriedenstellung der Gäste beschäftigt. Schließlich sollte es an nichts fehlen. Drei Kaninchen landeten im Kochtopf. Dazu formte sein Vater, der zur Unterstützung seiner Frau ausnahmsweise die Kochschürze umband, Thüringer Klöße in großer Stückzahl. Zehn davon landeten später in Onkel Kurts Magen, was Heinz glauben ließ, dass Lebensmittel im Westen offenbar ziemlich knapp waren. … Natürlich wurden auch Geschenke für die selten gesehenen Gäste aus Hamburg besorgt. Man wollte ja nicht mit leeren Händen dastehen, wenn Onkel und Tante den eigenen Geschenkekoffer öffneten.

Heinz Mutter wusste, etwas Hübsches aus Bleikristall oder auch Sammeltassen aus edlem Porzellan wurden immer gern mit „rüber“ genommen. …. Nach dem festlichen Mahl anlässlich Heinz` Jugendweihe machte sich die Westverwandtschaft daran, ihre Geschenke unter die Ostfamilie zu streuen: eine große Flasche Lenor, dazu noch je ein riesiges Paket Persil und Ariel. „Die müssen glauben, bei uns gebe es kein Waschpulver“, sagte sich Heinz. „Aber da irrten sie gewaltig, denn daran herrschte in der Kaufhalle nun wirklich kein Mangel. Mutter bedankte sich überschwänglich, so als hätte sie eine Rarität bekommen, die man, wenn überhaupt, nur einmal im Leben erhält. Für uns Kinder gab es Kaugummis.“ Noch lieber hätte Heinz eine Jeans gehabt. Als er das seiner Mutter gegenüber erwähnte, kassierte er umgehend eine fette Ohrfeige für seine Unverschämtheit. „Wie kannst du so etwas auch nur denken, vielmehr solltest du dankbar sein.“ Vielleicht hatte sie ja Recht und im Westen gab´s nichts oder alles war so teuer, dass man es unmöglich an den Osten verschenken konnte. Auf jeden Fall waren die Koffer von Onkel Kurt und Tante Else auf der Rückreise nach Hamburg schwerer als beim Besuchsantritt in Ostberlin.

Aus der Reihe: Unsere Kindheit in der DDR
„POS und Jugendweihe“
Wartberg Verlag
ISBN 978-8313-2045-5


Möhrenwangen und Schuhcremewimpern

Ja, selbstverständlich hatten wir Mädchen es darauf angelegt, den Jungen die Köpfe zu verdrehen. Und zwar mit allen vorhandenen Tricks. Für eine gesunde Gesichtsbräune am alles entscheidenden Tanzabend der Klassenfahrt hatten wir Mohrrüben zerdrückt. Mit Zuckerwasser wurden die Haare in die richtige Position gebracht und dort fixiert. Unsere dunklen Wimpern waren schwarzer Schuhcreme zu verdanken. In Ermangelung von Nahtstrümpfen malten wir die Naht eben direkt aufs Bein, das wir vorher mit einer undefinierbaren, aggressiven Dosenschmiere enthaart hatten.

Aus der Reihe:  Aufgewachsen in der DDR
„Wir vom Jahrgang 1940 – Kindheit und Jugend“
Dieter Dietel, Kathleen Köhler
Wartberg Verlag
ISBN 978-3-8313-1740-0


Weiter erschienen ist:
„Wir vom Jahrgang 1946 – Kindheit und Jugend“
Falk Laue, Kathleen Köhler
Wartberg Verlag
ISBN 978-3-8313-1746-2

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